Literaturhype in Wien um 1900

Wien 1900, Literatur, Belle Epoque, Stefan Zweig, Peter Altenberg, Arthur Schnitzler, Karl Kraus; Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal

Literaturhype in Wien um 1900

Heute stehen Social Media, wie Snapchat, TikTok, Instagram und Co., vor allem bei jungen Menschen – aber nicht nur bei ihnen – rund um den Globus im Mittelpunkt des Interesses. Nahezu jeder ist mit seinem Smartphone ständig mit dem Internet verbunden und selbst in der Nacht, während der Schlafenszeit, trudeln Nachrichten und die verschiedensten Neuigkeiten ein, die beim Aufwachen schon zur Verfügung stehen, wenn man möchte.  

In den 1960er und 70er- Jahren war es die Popmusik, welche die Umsatzzahlen der Musikindustrie in die Höhe schnellen ließ. Schallplatten wurden in den Wirtschaftswunderjahren mehr und mehr gekauft, getauscht, auf Magnetofonbänder kopiert. Die allermeisten Jugendlichen beschäftigten sich auf die eine oder andere Weise mit den Idolen der Beat- und Rockmusik, den Beatles und Rolling Stones und den vielen anderen, die sich damals mit ihrer Musik einen Namen machen konnten.

So ähnlich stelle ich mir vor, dass die jungen Burschen in den Gymnasien damals an der Wende von 19. Zum 20. Jahrhundert die Bücher ihrer Helden verschlungen haben, sich mit ihren Schulkollegen darüber ausgetauscht haben. Und nicht nur das! Viele werden selbst versucht haben, ihre Ideen und Fantasien zu Papier zu bringen. Ich habe vorhin von Burschen gesprochen, denn erst ab dem Jahr 1892 gab es die erste private Schule in Wien, die nach dem Lehrplan von Gymnasien junge Mädchen unterrichtete.

So ähnlich wie Jahrzehnte später viele Jugendliche begonnen haben Gitarre zu spielen und sich unzählige Bands bildeten, die bei Pfarrveranstaltungen, bei Geburtstagspartys oder Zeltfesten auftraten haben die literaturinteressierten jungen Männer zu schreiben begonnen. Und gleichermaßen schafften es einige der jungen Leute, dass ihre Gedichte oder Erzählungen oder Essays in Zeitungen gedruckt und somit verbreitet wurden.

Dazu müssen wir uns vorstellen, welchen Stellenwert die Zeitungen damals hatten. Es gab kein Internet, kein Smartphone, kein Radio und schon gar kein Fernsehen. Es gab erste Telefone, ja, aber vorwiegend für Behörden, Freiberufler und Unternehmen und ansonsten nur bei den ganz reichen Haushalten. Purer Luxus also. Somit verbleibt die Zeitung das einzige Medium, das aktuelle Informationen verbreitet. Viele der Tageszeitungen hatten eine Morgen- und eine Abendausgabe und erschienen auch an Sonntagen. Daneben gab es noch die Illustrierten, die wöchentlich oder vierzehntägig erschienen und neben Zeichnungen auch die Fotografie mehr und mehr nutzten. Diese Illustrierten berichteten über Gesellschaft, Kultur und Politik, aber auch über Mode, Reisen oder brachten Spezielles für die Hausfrau. Das Kino steckte noch in seinen Kinderschuhen, obwohl auch schon erste Dokumentationsfilme, zum Beispiel über den Russisch-japanischen Krieg,  gezeigt wurden!  Die Vorläufer der späteren Wochenschau, die vor der eigentlichen Filmvorführung kurze Berichte aus aller Welt brachte und nach dem ersten Werbeblock gezeigt wurde noch bevor der Hauptfilm begonnen hat.

Die Auflagen der Zeitungen stiegen ständig. Die Neue Freie Presse, eine bürgerlich-konservative und wirtschaftsliberale Zeitung hatte beispielsweise um 1900 eine Auflage von 55.000, die sozialdemokratische Arbeiter-Zeitung  von 24.000 Exemplaren. Das deutsch-nationale Neue Wiener Tagblatt dürfte im Jahr 1900 eine noch höhere Auflage gehabt haben, wahrscheinlich etwa 80.000 Exemplare.

Heute sind es neben den klassischen Medien, wie eben Zeitungen, Radio und Fernsehen und deren Ableger im Internet auch eine Vielzahl von Influencern, Bloggern und Podcastern (wie zum Beispiel auch ich), die sich berufen fühlen, ihren Senf zu allem Möglichen und Unmöglichen dazugeben zu müssen – oft mit unglaublich hohen Reichweiten.

Natürlich wurden die Zeitungen auch und vor allem in den Kaffeehäusern gelesen, wo sich die literaturbegeisterten jungen Männer trafen. Dort gab es einerseits den Austausch von Ideen, Gedanken und Erfahrungen untereinander und es fand sich auch ein bald Mentor, Hermann Bahr, der als arrivierter Schriftsteller und Literaturkritiker junge Talente um sich scharte. Bekannte Namen sind Hugo von Hofmannthal, Arthur Schnitzler, Peter Altenberg und Felix Salten. Die soeben genannten und noch andere bildeten eine Clique, die sich „Jung-Wien“ nannte, und das Café Griensteidl – gleich an der Hofburg gelegen, für ihre Treffen nutzten.

Ich erwähne noch Stefan Zweig, der zwar nicht dieser Gruppe angehörte, aber auch seinen ersten Gedichtband in der fraglichen Zeit, im Jahr 1901, veröffentlichte. 

Hugo von Hofmannsthal ist bekannt für seine Theaterstücke, wie „Jedermann“, dem zentralen Werk des alljährlichen Salzburger Festspiel – Spektakels oder Der Schwierige, den er allerdings erst einige Zeit später schrieb.  Bekannt wurde er auch durch  mehrere Libretti für Opern von Richard Strauss, wie Der Rosenkavalier, Elektra oder Arabella. Richard Strauss komponierte seine erste Oper Salome 1905, also auch in der Zeit, die uns hier beschäftigt.

Der sexsüchtige Arthur Schnitzler wurde mit seinen Bühnenstücken wie Liebelei oder Der Reigen berühmt, sowie durch seine Novellen – wie die von Stanley Kublick mit Nicole Kidman und Tom Cruise verfilme Traumnovelle. In der Literaturgeschichte ist allem Leutnant Gustl ist von Bedeutung, da es das erste Werk der deutschsprachigen Literatur ist, das vollständig aus einem inneren Monolog besteht.

Peter Altenberg hingegen war ein stadtbekanntes Original und Schnorrer. Er verbrachte die meiste Zeit im Kaffeehaus und ließ sich von seinen Gönnern unterstützen – eigentlich muss man sagen, er ließ sich aushalten, wie beispielsweiser vom Architekten Adolf Loos und Karl Kraus dem Herausgeber der Fackel, die für Altenberg mit Spendenaufrufen Geld aufgetrieben haben. Sein nicht sehr umfangreiches Werk besteht vor allem aus kurzen Skizzen, Aphorismen und kleinen Erzählungen – seine Stückchen sind nicht ohne Poesie. Bei seinem Begräbnis kamen hunderte Promis und Schaulustige …

Felix Salten wurde vor allem durch „Bambi“ weltberühmt, das allerdings erst in den 1920er Jahren erschien. Ansonsten schrieb er historische Romane und den Essayband „Das österreichische Antlitz“, das auch im Internet veröffentlicht ist,  sowie weitere Bücher für junge Leser.

Stefan Zweig entstammt einer sehr wohlhabenden Fabrikantenfamilie, studierte in Wien und Berlin. Die ersten vielgelesenen Novellen waren beispielsweise Brennendes Geheimnis von 1911 und Angst aus der selben Zeit. Sein umfangreiches Werk umfasst eine Reihe historischer Romane, wie Maria Stuart und Magellan, Der Mann und seine Tat oder ein Roman über Marie Antoinette. Der Rückblick auf sein Leben „Die Welt von Gestern“ erschien erst nach seinem Tod und gilt heute als ein wichtiges Zeitdokument über das Lebensgefühl gegen Ende der Habsburgermonarchie. Während Zweig anfangs auf der Welle der allgemeinen Kriegsbegeisterung im August 1914 mitschwamm, wurde er später zum Pazifisten und einem Verfechter eines geeinten Europa. Er hatte sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet und schaffte es bald ins Kriegsarchiv versetzt zu werden. Später wurde er sogar von dort beurlaubt und dann 1917 ganz entlassen, worauf der in die neutrale Schweiz übersiedelte, wohin sich viele Künstler, Literaten und Intellektuelle begeben hatten, wohl weil es dort sicherer war als an den verschiedenen Frontabschnitten. Nach dem ersten Weltkrieg übersiedelte er 1919 38-jährig nach Salzburg, wo er auf dem Kapuzinerberg eine Villa kaufte und sanierte. Übrigens: jetzt will sie der heutige Besitzer, Wolfgang Porsche, verkaufen. Die Universität Salzburg hat Interesse gezeigt und wäre offenbar bereit 12,7 Mio. Euro dafür zu bezahlen – also: es zahlt eh der Steuerzahler. Später lebte Stefan Zweig in England und übersiedelte zuletzt nach Brasilien, wo er sich 1942 gemeinsam mit seiner Frau das Leben nahm. Vielleicht kennt ihr den Film aus dem Jahr 2016, mit Josef Hader als Stefan Zweig, wo es um seine letzte Lebensphase geht. 

 Sein wohl bekanntestes und auch letztes Werk ist die Schachnovelle, die er in seinem brasilianischen Exil 1941 schrieb. Sie wurde in viele Sprachen übersetzt und auch mehrmals verfilmt und taucht immer wieder in Listen der wichtigsten Werke der Weltliteratur auf.

Eine Sonderrolle nahm Karl Kraus ein. Ein wortgewaltiger Journalist, Satiriker und über Jahrzehnte ein sensibler Beobachter des Geschehens in Wien. Nachdem er bereits 1895 sehr erfolgreich mit der Satire „Die demolirte Literatur“ die Literaten-Clique Jung-Wien, von der schon die Rede war, sozusagen durch den Kakao gezogen hat, gründete er im Jahr 1899 die Zeitschrift „Die Fackel“, die bis 1936, dem Todesjahr von Karl Kraus, insgesamt 922 mal erscheinen sollte. Karl Kraus war die richtige Verwendung der deutschen Sprache ein besonderes Anliegen und sowohl in seinen 700 Vorlesungen in 40 Städten als auch in der Fackel sezierte und zerpflückte er Sprachsünden aller Art.

Ich möchte noch das monumentale Bühnenwerk „Die letzten Tage der Menschheit“ erwähnen, wo Karl Kraus mehr oder weniger im O-Ton Gespräche und Aussagen von dutzenden Personen in Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg widergibt.

Auf diesem Streifzug habe ich von einigen Schriftstellern gesprochen, die zwischen 1880 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 erfolgreich publiziert haben. Wovon noch nicht die Rede war: was zeichnet denn die Literatur dieser Zeit aus, worüber wurde geschrieben.

Darüber werde ich in meinem nächsten Beitrag berichten.

Für heute bedanke ich mich bei Alexander Zemlinsky, den Beatles, Charlie Chaplin und Gustav Mahler für die Musik.

Ich empfehle mich hiermit für diesmal und hoffe, ihr seid das das nächste Mal wieder dabei..

Passt auf euch auf und locker bleiben! 

Durch den Ersten Weltkrieg änderte sich nicht nur die politische Landschaft in Europa grundlegend, sondern er hatte selbstverständlich auch Auswirkungen auf die Literatur. Die Gräuel des Kriegs und der Umgang damit im Hinterland sind Gegenstand des monumentalen Dramas „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus. Franz Theodor Czokor schrieb sein bekanntestes Drama der 3. November 1918, der Tag der faktischen Kapitulation Österreich-Ungarns.  Andere wieder, wie Robert Musil und der Mann ohne Eigenschaften oder Josef Roth mit dem Radetzkymarsch und der Kapuzinergruft beschäftigten sich mit der untergehenden k. und k. Monarchie. Nicht zuletzt Franz Werfel, der in „Die 40 Tage des Musa Dagh“ das Schicksal der Armenier im untergehenden Osmanischen Reich thematisiert.

Mehr davon aber ein anderes Mal…

Quellen: Wikipedia, geschichtewiki,wien.gv.at besucht im September 2026

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