Folge 1: Wien und seine Grenzen

über meinen ersten Podcast

Stadtplan von Wien

Es war gar nicht so einfach, wie ich zunächst gedacht habe. Mehr Arbeit und Zeit sind in diesen ersten Beitrag geflossen, als geplant und es hat auch länger gedauert, bis sich so richtig in Schwung kam und – siehe da: schwuppdiwupp den Beitrag dann doch fertig gemacht habe.
Ich habe ja auch diese Homepage erstellt, damit ich selbst für alles verantwortlich bin und alles so gestalten kann, wie ich möchte.
WordPress habe ich mir von meinem Hosting-Provider installieren lassen, alles andere ich Eigenbau. Versuch und Irrtum, mehrere Anläufe etc. Aber das ist schon Schnee von gestern. Ich möchte Euch das Skript zum ersten Podcastbeitrag „Wien und seine Grenzen“ nicht vorenthalten:

Hier ist es:

Wien und seine Grenzen

Alles hat seine Grenzen. Wien auch.

Selbstverständlich hat auch Wien Grenzen und die Stadtgrenze kann man ganz gut erkennen, wenn man sich zum Beispiel auf den Donauturm begibt.

Wenn man von der Aussichtsterrasse nach Norden zur Donau schaut, sieht man gerade vor sich eine kleine Anhöhe, den Bisamberg. In dieser Gegend wird jede Erhebung Berg genannt, auch wenn sie nur 100 Meter über dem Niveau der Donau liegt, wie zum Beispiel der Laaerberg, von dem etwas später die Rede sein wird.

Der Bisamberg liegt schon in Niederösterreich, dem Bundesland, das Wien rundherum umgibt. Im flachen Land vor der Erhebung sieht man auf Stammersdorf, hinter dem sich noch einige Felder vor dem Bisamberg ausbreiten. Links davon, näher bei der Donau liegt Strebersdorf, das nördlichste Gebiet von Wien. An der Endung „Dorf“ kann man übrigens schon sehr gut erkennen, dass einst die Grenzen Wiens ganz woanders lagen …

Links, am andern Ufer der Donau sieht man den Leopoldsberg mit der Kirche am Gipfel und dem steilen Hang zur Donau hin. Diese Kirche ist ein markanter Punkt, den man von vielen Stellen Wiens sehen kann, und die auch bedeutend in der Stadtgeschichte Wiens ist. Daneben, weiter im Westen kann man den Kahlenberg sehen und eine Kette weiterer Hügel mit der höchsten Erhebung Wiens, dem Hermannskogel, der es auf stolze 544 m bringt. Zum Vergleich: die Donau bei der Reichsbrücke liegt bei 157m über dem Meeresspiegel; der Hermannskogel ist also knapp 400m hoch.

Hinter dieser Hügelkette liegt die Stadtgrenze Wiens. Damit haben wir auch das östliche Ende des Wienerwalds gesehen und damit auch die letzten Ausläufer der Alpen. In einem weiten Bogen kann man die Wälder und Berge sehen, die zum Westen und Südwesten Wien gehören. Wir drehen uns weiter nach Süden und sehen, dass sich in einiger Entfernung – schon deutlich hinter dem Zentrum Wiens mit der Ringstraße, dem Stephansdom und dem schon weiter weg vom Zentrum liegenden Schloss Schönbrunn das Gelände ansteigt. Es ist der Wienerberg und weiter östlich kann man den schon erwähnten Laaerberg sehen. Dahinter fließt der Liesingbach von West nach Ost und einigermaßen parallel dazu verläuft auch die Stadtgrenze ein Stück weiter südlich. Noch weiter östlich, wenn wir vom Donauturm genau nach Süden schauen, erkennen wir im flachen Gelände die Grünfläche des Wiener Zentralfriedhofs. Dort verläuft die Grenze ein Stück außerhalb des Friedhofsgeländes und erreicht die Donau hinter dem Alberner Hafen, etwa beim Ende der Donauinsel. Dann verläuft die Grenze einige Kilometer in der Mitte der Donau flussabwärts nach Südosten, um dann auf der Höhe des Flughafens nach Norden abzubiegen und entlang der Lobau weiter nach Norden zu verlaufen. Die Anlage der neu gebauten Seestadt Aspern ist deutlich zu erkennen. Die liegt noch in Wien, weiter rechts weiter liegt Essling und unmittelbar östlich davon verläuft dann die Grenze weiter nach Norden. Zwischen den Siedlungen gibt es dort sowohl diesseits als auch jenseits der Grenze noch landwirtschaftlich genutzte Flächen. Der Grenzverlauf ist kaum mehr auszumachen. Von unserer Terrasse am Donauturm schauen wir jetzt nach Nordosten und sehen einen größeren Ort hinter der Grünflache eines Golfplatzes: Deutsch Wagram. Der Golfplatz liegt noch in Wien, an seiner nördlichen Grenze liegt auch die Grenze Wiens. Weiter im Westen liegt die Ortschaft Gerasdorf, die sich schon in Niederösterreich befindet. Und dann sehen wir ein Stück weiter westlich schon wieder Stammersdorf, das wir schon am Beginn unseres Rundblicks gesehen haben.

Aber warum erzähle ich das? Weil jede Grenze eine Bedeutung hat. Unser Paradephilosoph Konrad Paul Lissmann schreibt in seinem lesenswerten Essay Lob der Grenze: „Was aber ist eine Grenze? Vorab nicht mehr und nicht weniger als eine wirkliche oder gedachte Linie, durch die sich zwei Dinge voneinander unterscheiden. Wer auch immer einen Unterschied wahrnimmt, nimmt auch eine Grenze wahr, wer auch immer einen Unterschied macht, zieht eine Grenze.“  (Zitat Ende)

Die Stadtgrenze ist zunächst einmal eine administrative Grenze. Es gelten ein wenig andere Regeln als in dem die Stadt umgebende Niederösterreich. Das betrifft vor allem die Bewohner Wiens, aber auch die Bewohner aus dem Umland, zum Beispiel, wenn sie in einem Wiener Krankenhaus behandelt werden wollen. Es betrifft auch die ca. 300.000 Pendler, die nach Wien zur Arbeit fahren – vor allem, wenn sie mit dem Auto kommen, da die Stadt Wien daran arbeitet, den PKW – Verkehr zu Gunsten der Öffis und dem Rad fahren zurückzudrängen. Und auch indem in Wien praktisch überall tagsüber kostenpflichtige Kurzparkzonen eingerichtet sind.

Wie schon erwähnt verläuft die Grenze im Westen Wiens durch das hügelige Waldgebiet des Wienerwaldes, dem seit über hundert Jahren gesetzlich geschützten Wald- und Wiesengürtel. Dort reicht die Besiedlung nicht bis an Stadtgrenze heran und kann nicht mehr ausgedehnt werden. Ganz anders ist es im Süden, wo das Wiener Becken zumindest bis Baden, etwa 20 km von der Stadtgrenze entfernt, durchgehend für Wohnhäuser, Industrieanlagen und Gewerbegebiete genutzt wird. Ebenso werden im Norden die Besiedlung und industrielle Nutzung immer größer, auch wenn sich zwischen den einzelnen Ortschaften noch Äcker und Gärtnereien befinden. Auch der Nordwesten ist entlang der Donau bis Korneuburg dicht besiedelt. Vor allem im Nordosten ist innerhalb der Stadtgrenzen noch unverbautes Gebiet. Dort wird seit zwanzig Jahren an der so genannten Seestadt Aspern, von der schon die Rede war, gebaut, wo in den kommenden Jahren bis zu 25.000 Menschen leben und 20.000 arbeiten sollen.

Im Zentrum des Zentrums, das von der Ringstraße und dem Donaukanal begrenzt wird, tummeln sich beinahe zu jeder Jahreszeit fast ausschließlich Touristen. Dazwischen die Leute, die zum oder vom Arbeitsplatz kommen, denn die größte Zahl an Arbeitsplätzen in Wien sind im Ersten Wiener Gemeindebezirk, in der Inneren Stadt. Bewohner gibt es dort jedoch nur wenige. Es wurlt nur so, wie man in Wien sagt. Dank der Fußgängerzonen und U-Bahn sind verhältnismäßig wenige Autos zu sehen, dafür umso mehr Cafés und Restaurants mit den Schanigärten davor, wo die sich die Touristen zum Wohle des Big Business von den Strapazen des Sightseeings ausruhen können. Die Gastronomie hat hier ganz eindeutig die Grenzen ihrer Tätigkeit weit nach draußen verlegt, in die Schanigärten. Danke Klimaänderung! Wer sich jedoch in eine der Seitengassen begibt, also jenseits der Grenzen der Touristenströme, kann allerdings auch ruhigere Plätze in der Inneren Stadt finden, die gelegentlich Einblicke in begrünte Höfe bieten in denen noch ein wenig das Flair vom „Alten Wien“ – was auch immer das gewesen sein mag – zu spüren ist.

Die Ringstraße mit ihren Prachtbauten ist eine recht markante Grenze. Seit ihrer Errichtung in der Mitte des 19.Jht.s bewahrt sie in ihrem Inneren, in der Zone, die sie umschließt, die Vergangenheit der Stadt und die Erinnerung ihrer Bedeutung als Hauptstadt der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. Nur sehr vereinzelt gibt es Neues, jede Neuerung ist umstritten und wird heftig diskutiert.

In der Zone außerhalb der Ringstraße gibt es noch einige historische Gebäude, Palais ehemals bedeutender Adelsfamilien, alte Bürgerhäuser, einige alte Industrie- und Gewerbeanlagen, die heute aber oft anders genutzt werden, aber auch neuere Gebäude aus allen Epochen bis heute. Ich spreche über die so genannten Vorstädte, also den Bereich zwischen der Ringstraße und der Gürtelstraße, die ebenfalls eine Grenze innerhalb der Stadt bildet. Die Bezirke außerhalb des Gürtels im Westen und Süden sind die traditionellen Arbeiterbezirke, wo heute auch der Großteil der Zuwanderer lebt, die einst, seit den 1960er Jahren, als Gastarbeiter nach Wien gekommen sind, ihre Familien nachgeholt haben und mittlerweile in dritter oder gar schon vierter Generation in Wien leben. Aber auch viele der Leute, die später nach Wien gezogen sind: mit der Ostöffnung um 1990, dem EU-Beitritt von Österreich und später dem unserer östlichen Nachbarn. Es kamen Flüchtlinge vor den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien und im Nahen Osten. Sie alle leben meist in den Außenbezirken, jenseits der Gürtelstraße.

Der Übergang von den Arbeitervierteln zu der Zone, wo die wohlhabenden, die reichen und ganz reichen Wiener zu Hause sind, ist nicht an einem ähnlich markanten Straßenzug festzumachen. Der Übergang erfolgt jedoch auch meist recht abrupt, weil zwischen die Villen mit den weitläufigen Gärten kaum jemand Arbeiterwohnungen bauen wird, schon allein wegen der entsprechend hohen Grundstückspreise.

In den Wiener Außenbezirken gibt es mehr Einfamilienhäuser mit mehr oder weniger Garten, mehr ruhige Gässchen dafür aber weniger gute Versorgung mit Öffis, Geschäftslokalen und Arbeitsplätzen. Übrigens: in Wien sind rund die Hälfte der Gebäude Einfamilienhäuser. Wer hätte das gedacht!

Es gibt in der Stadt Grenzen, die zwar teilweise mit Bezirksgrenzen zusammenfallen, die aber nicht durch diese Verwaltungsgrenzen entstanden sind, sondern vielmehr durch Maßnahmen, die viele Jahrzehnte zuvor gesetzt wurden. Beispielsweise wurden in Ottakring in den 1880er Jahren viele Gründerzeithäuser mit Substandardwohnungen gebaut – Substandard nach heutigen Massstäben, wohlgemerkt! denn damals waren sie höchst fortschrittlich mit Toiletten und Wasserleitungen, der berühmten Bassena, in jedem Stockwerk. Viele Familien sind von dort seit den 1950er Jahren ausgezogen. Gastarbeiter, zunächst aus dem ehemaligen Jugoslawien und später aus der Türkei sind in der Folge dort eingezogen und haben in den letzten Jahrzehnten dem Bezirk einen völlig anderen Charakter gegeben. In den letzten Jahren sind auch viele Migranten aus arabischen Ländern, dem Iran und Afghanistan nach Wien gekommen, von denen ebenfalls viele in diese Gegend gezogen sind. 

Möglich wurde das, indem die Stadt Wien auf Grund der Wohnungsnot – die Einzimmerwohnungen in den Zinskasernen waren oft heillos überbelegt – in so genannte Gemeindebauten investierte. Die Arbeiterfamilien verließen die Gründerzeithäuser, die im privaten Eigentum waren und zogen in Gemeindewohnungen, die von der Stadt Wien günstig vermietet wurden.

Wer jetzt vom Gürtel kommend durch die Neulerchenfelder Straße geht, der sieht links und rechts viele meist kleine Geschäfte, die auch in Istanbul oder Bagdad sein könnten. Am Brunnenmarkt bieten die Händler auf ihren Ständen orientalische Gemüsesorten und Gewürze an, ebenso wird vor allem Lamm- und Hühnerfleisch verkauft. Wer Schweinefleisch oder Speck sucht, ist dort fehl am Platz.

Vor einiger Zeit sind zunächst einige Künstler in dieses Grätzl gezogen und in der Folge wurden einige Gründerzeithäuser saniert und dieses Umfeld wiederum führte zu einer Gentrifizierung – also zum Zuzug von Personen aus dem Mittelstand, Yuppies und Bobos, was vor allem am Yppenplatz am nördlichen Ende des Brunnenmarkts zu einer vielfältigen Gastro-Szene geführt hat. Es lohnt sich, einen Spaziergang durch den Brunnenmarkt und zum Yppenplatz zu machen.

Ich denke, dass in einer Stadt wie Wien auch eine andere Art von Grenze sichtbar wird: die Grenzen der Möglichkeiten von Stadtplanung! Die Planer in den 1950er und 60er Jahren konnten diese Entwicklung nicht vorhersehen. Die Dynamik des Zusammenlebens der Menschen in einer Großstadt, die Zu- und Abwanderungsbewegungen bringen die unterschiedlichsten Formen der Nutzung hervor, die niemals von den offiziellen Planungsstellen erdacht worden sind.

Eine ganz andere Art von Grenze finden wir auf den Straßen. Die Straßen in einer Stadt sind zunächst einmal durch die Gebäude links und rechts begrenzt. Die Wohnhäuser schließen heutzutage die Tore ab, und nur wer von einem Bewohner eingelassen wird, bekommt Zutritt und begrenzen so, wer reindarf und wer nicht.

Der Gehsteig ist durch Randsteine von der Fahrbahn abgegrenzt. Weitere Begrenzungen gibt es auf mehr und mehr Straßen, welche den Fahrradverkehr vom Autoverkehr und den Fußgängern auf den Gehsteigen trennen sollen. Weiße Linien begrenzen Bereiche, auf welchen geparkt werden darf, Verkehrszeichen begrenzen die Geschwindigkeit, mit welcher Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs sein dürfen, oder wo Fussgänger ausgegrenzt werden. Umgekehrt gibt es Fussgängerzonen, wo der Autoverkehr auf ein Minimum eingeschränkt ist.

Öffentliche Einrichtungen, wie Straßen und Parkanlagen, Schwimmbäder und Sportplätze, Einkaufszentren und Märkte, Kinos und Theater, Gasthäuser und Restaurants, Cafés und Würstelstände, Busse, Straßenbahnen und Züge samt den Haltestellen und Bahnhöfen stehen im Prinzip allen zur Verfügung. Eintrittspreise und Benützungsgebühren grenzen jedoch einen Teil der Wiener vom Zugang aus. Vor allem aber sind es unsichtbare Schranken, die viele Bewohner davon abhält, ins Burgtheater oder die Staatsoper zu gehen und die gleichen unsichtbaren Grenzen halten andere Wiener davon ab sich unter die Zitterpappeln im Gänsehäufel zu legen. Die Besucher des Burggartens verbringen die restliche Zeit kaum Waldmüllerpark in Favoriten.

Grenzen sondern ab, erzeugen einerseits Unterschiede, zeigen vor allem aber Unterschiede auf. So ist die Nutzungsdauer einer Straßenbahngarnitur der Wiener Linien begrenzt, neue Garnituren lösen die alten ab – Grenzen sind also nicht nur räumlich, sondern auch in der zeitlichen Dimension vorhanden. Aber das betrifft ja nicht nur Wien, sondern uns alle.

Und das Thema Zeit wäre ja eine ganz andere Geschichte für diesen Podcast.


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